Meilensteine der Architekturgeschichte sind oft zwergenhafte Bauten. Nicht die großen Sinfonien der Kathedralen und Paläste, sondern die kammermuskalischen Bauformen haben die Ideengeschichte beflügelt. (…) Auch wenn es sich nur um die Feuerwehrstation einer badischen Möbelfabrik handelt, hat deren Schöpferin Zaha M. Hadid auf Anhieb ihr anspruchsvolles, fast vermessenes Architekturkonzept verwirklicht. (…) Zaha Hadid ist die rigoroseste Verkörperung eines neuen Geistes in der Architektur, der gleichermaßen gegen Spät- und Postmoderne, gegen High-Tech und High-Touch Front macht. Nicht Wiederentdeckung der Geschichte oder Aufbruch zur neuen Bescheidenheit, weder historistischer Totenkult noch puristische Seelenwanderung, sonder die Begründung einer eigenen nachahmungsfreien und kompromißlos gegenwärtigen Formensprache ist Motiv dieser Architektur. (M. Mönninger)
Die Zeiten, da die Architektur das wichtigste Experimentierfeld neuer künstlerischer und wissenschaftlicher Ideen war, sind lange vorbei. Die Baukunst reagiert heute meist nur noch auf Innovationen in Wirtschaft, Technik und Gesellschaft. Die Zeitschrift Arch+ ist eines der wenigen Architekturmagazine, das weiterhin den Anspruch auf Theoriebildung und Debattenkultur verfolgt. In zwanzig Jahren als Herausgeber und leitender Redakteur hat Nikolaus KuhnertArch+ zum wichtigsten deutschen Forum der architektonischen und urbanistischen Diskussion gemacht. In Aufsätzen und Interviews, vor allem aber als Initiator und Vermittler hat Kuhnert gerade in jüngster Vergangenheit die wichtigsten internationalen Autoren versammelt und damit Themen wie Dekonstruktion, Stadtauflösung, Neue Medien, neue Geometrien, neue Werkstoffe oder Bautechniken in Deutschland bekannt gemacht. Als Vorkämpfer einer Zweiten Moderne hat Nikolaus Kuhnert die Architektur wieder zu einem Laboratorium der Ideen gemacht, die weit über das Bauen hinausreichen. (M. Mönninger)
Im couragierten Widerspruch zu einer Welt voller geborgter und gefälschter Konventionen stellt das architektonische Werk von Peter Zumthor die „wirklichen“ Dinge in den Mittelpunkt. Materialien, Bautechniken und Räume werden wieder zu dem, was sie ursprünglich waren; allerdings nicht in einem unkritischen (und zwangsläufig anachronistischen) Rückgriff auf die Vergangenheit, sondern im Gegenteil dadurch, daß sie in neue Sinnzusammenhänge gestellt werden. Die ganz und gar eigenständige Haltung, die Zumthor dabei entwickelt, hält der rationalen Überprüfung stand, eröffnet aber gleichzeitig ein vielschichtiges, poetisches Universum, das jene, die sich darauf einlassen, zum existentiellen Nachdenken bringt. (V. M. Lampugnani)
Stanislaus von Moos begann seine Karriere als Kunstwissenschaftler mit einer aufsehenerregenden Publikation über die Entstehungsgeschichte des italienischen Renaissance-Palastes, womit er gleichzeitig das Interesse auf einen neuen Themenzusammenhang lenkte, die „politische Ikonographie“. Bald fasste er Interesse an der Architektur der Moderne. Seine Monographie über Le Corbusier gehört zu den Standardwerken der Le Corbusier-Literatur. Als einer der wenigen Kunsthistoriker hat er sich bald in der Architekturentwicklung der Gegenwart engagiert. Sein Buch über Robert Venturi war eine der ersten Stellungnahmen zur Postmoderne. Bedeutsam wie seine Publikationen war seine mehrjährige Tätigkeit als Herausgeber der Schweizer Architekturzeitschrift Archithese, die er gegründet hat. Stanislaus von Moos gehört zu den einflußreichsten Architekturtheoretikern der Gegenwart. (H. Klotz)
Neben der Wiedergewinnung der Geschichte und der Reparatur zerstörter Strukturen bilden das Weiterbauen und die Neuinterpretation der vorhandenen Städte die wichtigste Herausforderung der Gegenwartsarchitektur. Sauerbruch Hutton kamen mit ihrem kraftvollen Solitär-Ensemble für die Berliner GSW-Zentrale mitten in die Anfangsphase der Berliner Gründerzeit, als es um die Rekonstruktion des Stadtgrundrisses ging. Sie mussten fast fünf Jahre warten, bis die Zeit für ihre vertikalisierende Neuinterpretation jenes Bereiches an der Kochstraße reif war, der als Teil eines „Städtebandes“ einen völligen Bruch mit dem Vorkriegs-Berlin darstellen sollte. Ihr Entwurf akzeptiert den Stadtgrundriß, aber auch den Collage-Charakter des neueren Bestandes, der mit neuer Dichte gefüllt wird und in der Vertikalen eine spannungsvolle bauplastische Silhouette erzeugt. Dabei verwenden sie energiesparende Techniken. So wird ihr Entwurf zum Musterbeispiel einer ökologischen Architektur, die nicht auf die Auflösung der Stadt, sondern auf ihre Stärkung und Modernisierung zielt. (M. Mönninger)
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